{"id":16665,"date":"2024-09-03T09:30:51","date_gmt":"2024-09-03T07:30:51","guid":{"rendered":"https:\/\/unser-recht.ch\/?p=16665"},"modified":"2025-07-25T13:37:17","modified_gmt":"2025-07-25T11:37:17","slug":"jugend-und-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/jugend-und-gewalt\/","title":{"rendered":"Jugend und Gewalt"},"content":{"rendered":"<p>Ein in der &#8220;Frankfurter Allgemeinen&#8221; (FAZ) erschienener Artikel mit der Aussage, ein Teil der schwer gewaltt\u00e4tigen, straff\u00e4lligen Jugendlichen sei &#8220;erzieherisch nicht mehr erreichbar&#8221;&#8216;, hat uns veranlasst, uns an einen erfahrenen Praktiker der Offenen Jugendarbeit in der Schweiz zu wenden. Hier seine Einsch\u00e4tzungen bez\u00fcglich Jugendgewalt und Jugendstrafrecht.<\/p>\n<h2><\/h2>\n<h3><strong>Argumente gegen eine Versch\u00e4rfung des Jugendstrafrechts <\/strong><\/h3>\n<p><em>Von Marco Bezjak<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Die aktuelle Kriminalstatistik zeigt, dass von Jugendlichen ausge\u00fcbte Gewalt in den letzten Jahren zunimmt.\u00a0Es werden Rufe nach einer Versch\u00e4rfung des Jugendstrafrechts laut. Aus Sicht der Offenen Jugendarbeit ist diese Reaktion auf die leicht erh\u00f6hten Zahlen unangemessen.<\/p>\n<p>Der Eindruck, die sogenannte Jugendgewalt habe zugenommen, besch\u00e4ftigt Medien und Fachwelt gleichermassen. Auch an der Fachtagung Jugendgewalt des Schweizer Instituts f\u00fcr Gewaltfragen im vergangenen Juli gab die Kriminalstatistik der Polizei zu reden. Prof. Dirk Baier, Leiter des Instituts f\u00fcr Delinquenz und Kriminalpr\u00e4vention der ZHAW, ordnete die j\u00fcngsten Zahlen in seinem Referat jedoch anders ein als die Presse.<\/p>\n<p>F\u00fcr seine Einsch\u00e4tzung zieht er die Verurteiltenzahlen herbei, die ein verl\u00e4sslicheres Bild als die vielzitierten Beschuldigtenzahlen der Kriminalstatistik abgeben. Zwar h\u00e4tten sich auch diese Zahlen leicht erh\u00f6ht, sagt er. Die Erh\u00f6hung sei jedoch vor allem dann auff\u00e4llig, wenn man, wie in den meisten Ver\u00f6ffentlichungen, als Referenzjahr 2015 w\u00e4hle. 2010 seien die Zahlen jedoch doppelt so hoch gewesen. Betrachte man die Zahlen ausserdem im Kontext der Bev\u00f6lkerungszunahme, m\u00fcsse man von einer Stabilisierung sprechen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Opfer und T\u00e4ter zugleich<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die Offene Jugendarbeit sind andere Aspekte des Ph\u00e4nomens Jugendgewalt jedoch mindestens so wichtig wie die nackten Zahlen. Jugendliche \u00fcben nicht nur Gewalt aus, sondern erfahren auch Gewalt. Nicht selten waren T\u00e4ter selbst Opfer. Wie alt jene waren, die ihnen Gewalt angetan haben, geht aus diesen Statistiken nicht hervor. Wir sprechen daher kaum von Jugendgewalt, sondern von Jugend <em>und<\/em> Gewalt.<\/p>\n<p>Die \u00f6ffentliche Debatte suggeriert eine Verrohung der Jugend. Man spricht nicht nur von einer Gewaltzunahme, sondern auch von einer neuen Form von Brutalit\u00e4t, einer Art blinden Gewaltrauschs, der man mit erzieherischen Massnahmen nicht mehr begegnen k\u00f6nne. Der Ruf nach einer Versch\u00e4rfung des Strafrechts wird laut.<\/p>\n<p>Aus Sicht der Offenen Jugendarbeit w\u00e4re diese Reaktion falsch. Statt den Blick auf die Zeit im Leben eines T\u00e4ters <em>nach<\/em> der Tat sollten wir ihn auf das Leben aller Jugendlichen richten, sodass es im besten Fall \u00abdie Tat\u00bb am Ende gar nicht gibt. Statt anhand einzelner Taten oder uneingeordneter Fakten zu fordern, jemand m\u00fcsse jetzt endlich mal etwas tun, und sich h\u00e4nderingend und hilfesuchend an eine Fachwelt zu wenden, sollten wir, die Erwachsenen in unserer Gesellschaft, uns f\u00fcr eine Kultur einsetzen, in der es normal ist, sich f\u00fcr andere zu interessieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wer sind die Jugendlichen?<\/strong><\/p>\n<p>Die wenigsten Erwachsenen erleben, was wir in der Offenen Jugendarbeit sehen, n\u00e4mlich dass sich sch\u00e4tzungsweise 99 Prozent aller Jugendlichen angemessen verhalten. F\u00fcr sie interessiert sich die \u00d6ffentlichkeit selbst dann nicht, wenn es ihnen richtig schlecht geht \u2013 so schlecht, dass die kinder- und jugendpsychiatrischen und -psychologischen Angebote Wartelisten f\u00fchren m\u00fcssen. Wahrgenommen werden Jugendliche erst dann, wenn sie st\u00f6ren. Und Interesse wird erst dann geweckt, wenn extreme Vorf\u00e4lle aufschrecken.<\/p>\n<p>Trotz unserer Aufgabe, uns f\u00fcr alle Jugendlichen zu interessieren &#8211; unabh\u00e4ngig davon, ob es ihnen gut oder schlecht geht, ob sie sich auff\u00e4llig oder angepasst verhalten &#8211; k\u00f6nnen wir keine Einsch\u00e4tzung dar\u00fcber vornehmen, wer die T\u00e4ter sind, welchen Charakter sie haben, was sie antreibt, aus welchem Milieu sie stammen. Wir k\u00f6nnen nur die Jugendlichen beschreiben, denen wir in allen 25 Gemeinden begegnen, in denen wir Offene Jugendarbeit leisten.<\/p>\n<p>Diese Jugendlichen blicken nicht in in eine prosperierende Zukunft. Sie verf\u00fcgen nicht \u00fcber das zuversichtliche und selbstwirksame Lebensgef\u00fchl, wie es \u00e4ltere Generationen taten: Die Idee, dass alles besser wird, wenn man sich nur anstrengt, liegt ausser Reichweite. Die heutigen Jugendlichen m\u00fcssen angesichts der globalen Probleme Verzicht lernen, obwohl sie auf die Vorstellung konditioniert sind, dass das Mehr Verbesserung verspricht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Toleranz und Mitgef\u00fchl abtrainiert<\/strong><\/p>\n<p>Von diesen Jugendlichen wurde schon in der Kindheit Anpassung und erwachsenes Verhalten eingefordert. Die Normierung beginnt noch vor dem Eintritt in den Kindergarten. Es wird erwartet, dass Kinder dann keine Windeln mehr brauchen, sozial angepasst sind, bis 10 z\u00e4hlen und Deutsch k\u00f6nnen. Kommen sie ins Jugendalter, haben sie die Erfahrung gemacht, dass sie sich nicht aus sich heraus im eigenen Tempo entwickeln d\u00fcrfen, sondern sich entsprechend den Erwartungen von aussen zu entwickeln haben. Erwachsene sind nicht bereit, Andersartiges zuzulassen, w\u00e4hrend Kindern genau das im Grunde m\u00fchelos gel\u00e4nge.<\/p>\n<p>Wir vermuten, dass wir deshalb in unserer Arbeit Jugendliche erleben, die sich nach Best\u00e4tigung, Wirksamkeit, Anerkennung und Zugeh\u00f6rigkeit sehnen. Besonders jene, die aufgrund ihres Milieus oder sogar ihres Wohnorts in bestimmten Quartieren schon fr\u00fch stigmatisiert werden, sind darauf angewiesen, als Individuen ernst genommen zu werden. Wenn sie Zugeh\u00f6rigkeit nicht in Schulen, Vereinen oder in der Offenen Jugendarbeit finden, dann steigt das Risiko, dass sie schliesslich in radikalisierten religi\u00f6sen, politischen oder Fan-Gruppierungen landen. Denn diese Gruppierungen sind darauf spezialisiert, Jugendlichen einen Sehnsuchtsort zu bieten, und sie dann f\u00fcr ihre Ziele zu missbrauchen.\u00a0Die ganz wenigen Jugendlichen, die zu best\u00fcrzenden Taten in der Lage sind, bekommen viel zu sp\u00e4t, n\u00e4mlich <em>nach<\/em> einer Tat, die dringend ben\u00f6tigte Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Kontinuierliche Begleitung<\/strong><\/p>\n<p>Aus unserer Sicht gibt es nur eine Chance, diesen Vorg\u00e4ngen etwas entgegenzusetzen: Jugendlichen m\u00fcssen breitfl\u00e4chig Erwachsene zur Seite gestellt werden, die sich kontinuierlich und tiefgreifend f\u00fcr sie als Individuen interessieren. Dabei darf es nicht darum gehen, etwas Bestimmtes zu verhindern, oder anderes zu f\u00f6rdern, sondern darum, sie in dieser Lebensphase ernst zu nehmen und zu zeigen, dass wir als Gesellschaft auf sie angewiesen sind. Eine personell gut ausgestattete, breitfl\u00e4chig eingesetzte und fachlich gef\u00fchrte Offene Jugendarbeit k\u00f6nnte dem Zufall, der bestimmt, ob und wo sich diese Jugendlichen radikalisieren, Einhalt gebieten.<\/p>\n<p>Dass sich Jugendliche, die zu geplanten, schwerwiegenden Gewalttaten f\u00e4hig sind, am m\u00f6glichen Strafmass orientieren, scheint auf der Basis solcher \u00dcberlegungen geradezu absurd. Weder werden Straftaten verhindert, noch potentielle Opfer gesch\u00fctzt, wenn das Strafmass erh\u00f6ht oder die Strafm\u00fcndigkeit herabgesetzt werden. Solche Massnahmen dienen dazu, das Gewissen Erwachsener zu beruhigen, die vorher nicht alles unternommen haben, um sich richtig um junge Menschen zu k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Unserer Meinung nach setzt das Jugendstrafrecht innerhalb seines Wirkungskreises bisher an den richtigen Punkten an. Als Gesellschaft sollten wir uns dennoch fragen, was wir tun k\u00f6nnten, damit es gar nicht zur Anwendung kommen muss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Marco Bezjak ist Jugendarbeiter und als Spezialist f\u00fcr Offene Jugendarbeit in f\u00fcnf Kantonen t\u00e4tig. Er ist Gr\u00fcnder und Pr\u00e4sident der <a href=\"https:\/\/www.mojuga.ch\/intro.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">MOJUGA Stiftung f\u00fcr Kinder- und Jugendf\u00f6rderung<\/a> sowie Gastdozent f\u00fcr Soziale Arbeit an der ZHAW und an der HSLU.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge zu diesem Thema:<\/strong><\/p>\n<p>Prof. Gian Ege: <a href=\"https:\/\/unser-recht.ch\/die-revision-des-jugendstrafrechts\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Revision des Jugendstrafrechts<\/a> (UNSER RECHT, 22.5.2024<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p class=\"kleinschrift\">Foto: \u00a9 UNSER RECHT<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Argumente gegen eine Versch\u00e4rfung des Jugendstrafrechts<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Marco Bezjak<\/em><\/p>\n<p>Erfahrene Praktiker der Sozialarbeit wissen, dass die Gesellschaft der Jungendgewalt wirksamer entgegentreten kann als mit einer Versch\u00e4rfung des Jugendstrafgesetzes.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":16660,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bluesky_dont_syndicate":"1","_bluesky_syndication_accounts":"","_bluesky_syndication_text":"","footnotes":""},"categories":[44,3416],"tags":[3670,3678],"class_list":["post-16665","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-droit-penal-execution","category-securite","tag-sicherheit-fr","tag-strafrecht-fr"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16665","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16665"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16665\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/16660"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16665"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16665"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16665"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}