{"id":16861,"date":"2024-10-08T10:04:41","date_gmt":"2024-10-08T08:04:41","guid":{"rendered":"https:\/\/unser-recht.ch\/?p=16861"},"modified":"2024-12-16T11:21:56","modified_gmt":"2024-12-16T10:21:56","slug":"perspektivwechsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/perspektivwechsel\/","title":{"rendered":"Perspektivwechsel"},"content":{"rendered":"<h3>Schweizerischer Europadiskurs aus europ\u00e4ischer Perspektive<\/h3>\n<p><em>Von Rudolf Wyder<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00abIl faut appeler un chat un chat\u00bb, scheint sich der emeritierte Freiburger Professor f\u00fcr Europastudien, Gilbert Casasus, gesagt zu haben. Resultat ist ein 150-seitiger Essay, der es in sich hat. Der schweizerische Europadiskurs sei realit\u00e4tsfremd, konstatiert der Autor, er beruhe auf Unkenntnis und auf Illusionen. Aber auch die Europ\u00e4ische Union bekommt ihr Fett ab: Sie habe sich von der Schweiz \u00fcber den Tisch ziehen lassen und tue sich nun schwer, aus der selbst gestellten Falle herauszufinden. Ungewohnte T\u00f6ne!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>Bilateralismus als &#8220;K\u00f6nigsweg&#8221;<br \/>\n<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>Das ist begr\u00fcndungsbed\u00fcrftig \u2013 und der Autor bleibt die Begr\u00fcndung nicht schuldig. Unter dem neckischen Titel <em>\u00abSuisse \u2013 Europe, Je t\u2019aime, moi non plus !\u00bb<\/em> pr\u00e4sentiert Casasus temperamentvoll eine schonungslose Analyse des Verh\u00e4ltnisses Schweiz-EU im Allgemeinen und des schweizerischen Europa-Diskurses im Besonderen.<\/p>\n<p>Der hierzulande zum \u00abK\u00f6nigsweg\u00bb kanonisierte \u00abBilateralismus\u00bb ist im Urteil des Autors nicht mehr als eine zeitlich befristete Hilfskonstruktion: Eine Ausweichroute nach dem EWR-Absturz, eine solit\u00e4re Insell\u00f6sung, von den europ\u00e4ischen Partnern hingenommen im Hinblick auf den (angeblich) absehbaren EU-Beitritt, in der Schweiz als bequemes Ruhekissen und als nicht mehr hinterfragtes <em>\u00abprovisoire qui dure\u00bb<\/em> hochgejubelt, in der erweiterten EU aber als privilegierter Sonderstatus immer kritischer be\u00e4ugt, todgeweiht nach der (grobfahrl\u00e4ssigen) Versenkung des Rahmenabkommens, ein Akt uneingestandener Selbst-Satellisierung gegen\u00fcber der Union, eine Sackgasse mit nahendem Verfalldatum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie weiter?<\/strong><\/p>\n<p>In den derzeit laufenden Verhandlungen sieht Casasus im Wesentlichen ein Treten an Ort, und er findet wenig schmeichelhafte Worte f\u00fcr die bundesr\u00e4tliche \u00abAbn\u00fctzungsstrategie\u00bb. Die Schweiz entfremde sich damit ihre europ\u00e4ischen Partner immer mehr. Bilaterale III? M\u00f6glich, aber als weiterer Schritt in eine verfehlte Richtung nicht wirklich w\u00fcnschenswert. F\u00fcr Casasus bloss <em>\u00abla poursuite d\u2019un itin\u00e9raire d\u2019un enfant g\u00e2t\u00e9 avec lequel ses camarades aiment de moins en moins jouer\u00bb.<\/em> Ein aufdatiertes Freihandelsabkommen als Alternative? Es gen\u00fcgt, \u00fcber den \u00c4rmelkanal zu blicken, um zu wissen, was ein Ausstieg \u00e0 la Brexit anrichtet.<\/p>\n<p>Die Schweiz hat sich in Casasus\u2019 Sicht verrannt in eine ebenso unn\u00f6tige wie selbstbesch\u00e4digende Sonderfall-Rolle. Sie pflegt ein Souver\u00e4nit\u00e4tsverst\u00e4ndnis, das mit den Realit\u00e4ten nichts mehr gemein hat. Innerhalb des sich integrierenden Kontinents alleine souver\u00e4n sein zu wollen, ist f\u00fcr ihn blosse Chim\u00e4re. Die helvetische Politik l\u00e4sst sich seit sp\u00e4testens 1992 von Nationalisten und Isolationisten vor sich hertreiben. Das m\u00fcsste nicht so sein. Dem souver\u00e4nen Land angemessen w\u00e4re eine gleichberechtigte Mitwirkung am europ\u00e4ischen Projekt. Wie etwa Luxemburg es vormacht, k\u00f6nnte die Schweiz innerhalb der europ\u00e4ischen Institutionen eine bedeutende Rolle spielen, Europa von ihren Erfahrungen profitieren lassen und gleichzeitig ihre Interessen effizient wahrnehmen, anstatt sich in Klimmz\u00fcgen und Verrenkungen des einsamen Sonderweges zu ersch\u00f6pfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Reduit-Mentalit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Weshalb tut sich die Schweiz so schwer mit Europa, wo sie doch als mehrsprachiger, weltoffener Bundesstaat geradezu pr\u00e4destiniert w\u00e4re, in Europa eine Pionierrolle zu spielen? Die Schweiz, so Casasus, ist in der Mentalit\u00e4t des \u00abR\u00e9duit\u00bb steckengeblieben, so, als m\u00fcssten wir uns st\u00e4ndig gegen b\u00f6se Nachbarn wehren. Europa wird als Sache der Anderen aufgefasst, die europ\u00e4ischen Institutionen gelten weithin als prinzipiell feindlich. Dem Einigungsprozess, der dem Kontinent seit sieben Jahrzehnten Stabilit\u00e4t, Prosperit\u00e4t und Frieden beschert hat, wird mit Desinteresse, wenn nicht Geringsch\u00e4tzung oder gar H\u00e4me begegnet. Dabei ist das europ\u00e4ische Projekt der Schweiz abgeschaut, und wir hatten in unserer Geschichte noch nie bessere Nachbarn.<\/p>\n<p>Das reale Europa spiele im \u00f6ffentlichen Diskurs in der Schweiz praktisch keine Rolle, diagnostiziert Casasus. Was interessiere, seien lediglich unsere W\u00fcnsche und Anspr\u00fcche an Europa. Auch in der schweizerischen Bildungslandschaft sei Europa bloss ein Waisenkind. Scharf geisselt der Autor die zunehmende \u00abjudicarisation\u00bb der Europadebatte. Nicht, weil er etwas gegen Juristen hat, aber weil er das \u00dcberhandnehmen der juristischen Detailarbeit gegen\u00fcber der politischen Gesamtsicht als fatal erachtet. Immer verbisseneres Sezieren technischer Einzelheiten l\u00e4sst L\u00f6sbares immer unl\u00f6sbarer erscheinen, schreckt die \u00d6ffentlichkeit ab und spielt damit Zauderern und Nationalisten in die H\u00e4nde.<\/p>\n<p>Warum klingt die Analyse hier so anders, als wir es gewohnt sind? Ganz einfach: Was wir gewohnt sind, ist helvetische Nabelschau. Casasus hingegen geht vom gr\u00f6sseren Bild aus. Seine Argumentationsebene ist eine europ\u00e4ische. Der Platz der Schweiz, der sich dabei heraussch\u00e4lt, ist keineswegs unattraktiver als der, den wir kennen. Brillante Analyse, fruchtbarer Perspektivwechsel!<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><em>Dr. phil. Rudolf Wyder ist Historiker und Vizepr\u00e4sident der Schweizerischen Gesellschaft f\u00fcr Aussenpolitik (SGA).<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gilbert Casasus:<a href=\"https:\/\/www.slatkine.com\/fr\/editions-slatkine\/76216-book-07211280-9782832112809.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00a0Europe, Je t\u2019aime, moi non plus !<\/a><\/p>\n<p>Der Buchautor hat in Lyon Politikwissenschaft studiert und an der Universit\u00e4t M\u00fcnchen doktoriert. 2008-2022 wirkte er als Professor f\u00fcr Europastudien an der Universit\u00e4t Fribourg. Seine Forschungsgebiete sind die europ\u00e4ische Integration, die deutsch-franz\u00f6sischen Beziehungen und die schweizerische Europapolitik. Er ist Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft f\u00fcr Aussenpolitik SGA.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Schweizerischer Europadiskurs aus europ\u00e4ischer Perspektive<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Rudolf Wyder<\/em><\/p>\n<p>In seinem Essay \u00abSuisse-Europe, Je t\u2019aime, moi non plus!\u00bb analysiert Gilber Casasus das Verh\u00e4ltnis der Schweiz zu Europa und zur EU. Fazit: Es ist kompliziert.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":16777,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bluesky_dont_syndicate":"","_bluesky_syndication_accounts":"","_bluesky_syndication_text":"","footnotes":""},"categories":[3414],"tags":[3496],"class_list":["post-16861","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-suisse-europe","tag-eu-fr"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16861","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16861"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16861\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/16777"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16861"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16861"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16861"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}