{"id":20081,"date":"2026-02-24T14:33:50","date_gmt":"2026-02-24T13:33:50","guid":{"rendered":"https:\/\/unser-recht.ch\/?p=20081"},"modified":"2026-02-24T14:33:50","modified_gmt":"2026-02-24T13:33:50","slug":"femizide","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/femizide\/","title":{"rendered":"Femizide"},"content":{"rendered":"<h3>Ein Problem auch in der Schweiz?<\/h3>\n<p><em>Von Nora Markwalder<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den letzten Jahren hat sich in den Medien vermehrt der Begriff des \u201eFemizids\u201c durchgesetzt, wenn \u00fcber T\u00f6tungsdelikte an Frauen berichtet wird. Im rechtlichen und offiziellen Sprachgebrauch wird der Begriff hingegen (noch) nicht verwendet. Der vorliegende Beitrag beleuchtet Femizide aus kriminologischer Sicht und bietet einen \u00dcberblick \u00fcber diese spezifischen Konstellationen von T\u00f6tungsdelikten in der Schweiz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was ist ein Femizid?<\/strong><\/p>\n<p>Der von der Soziologin Diana E.H. Russell gepr\u00e4gte Begriff des Femizids bezeichnet die T\u00f6tung einer weiblichen Person aufgrund ihres Geschlechts, wobei es mittlerweile verschiedenste Varianten dieser Definition gibt. Diese Abgrenzung zum generischen Term des \u201eHomizids\u201c soll misogyne Strukturen, die t\u00f6dliche Gewalt an Frauen beg\u00fcnstigen, sichtbar machen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich werden Frauen sowohl in der Schweiz als auch im internationalen Kontext in ganz anderen Situationen Opfer von t\u00f6dlicher Gewalt als M\u00e4nner. Die \u00fcberwiegende Mehrheit der Frauen und M\u00e4dchen wird im h\u00e4uslichen Bereich get\u00f6tet, wobei erwachsene Frauen haupts\u00e4chlich von ihren (Ex)-Partnern get\u00f6tet werden. Allerdings sind Detailinformationen und Auswertungen zu Femiziden bislang in der Forschung nur sp\u00e4rlich vorhanden.<\/p>\n<p>Grund daf\u00fcr ist einerseits, dass der Femizid nicht als eigenst\u00e4ndiger Tatbestand im Strafgesetzbuch vorgesehen ist, weshalb auch keine polizeiliche Kriminalstatistik oder Verurteilungsstatistik zu diesen Delikten existiert. Anderseits besteht eine zus\u00e4tzliche Schwierigkeit f\u00fcr die Erhebung dieser Delikte darin, dass bei einem Femizid die T\u00f6tung der weiblichen Person aus frauenfeindlichen Motiven begangen worden sein muss, was einerseits Wissen um das Motiv des T\u00e4ters voraussetzt, anderseits aber auch Interpretationsspielraum im Einzelfall l\u00e4sst (ist z.B. die T\u00f6tung der schwerkranken und leidenden Ehefrau durch den Ehemann aus \u201eMitleid\u201c ein Femizid oder nicht?). Nicht jede T\u00f6tung einer weiblichen Person ist somit als Femizid zu qualifizieren, sondern es bedarf einer vertieften Analyse der zugrunde liegenden Umst\u00e4nde des jeweiligen T\u00f6tungsdelikts.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie misst man Femizide?<\/strong><\/p>\n<p>Aus den obgenannten Gr\u00fcnden sind f\u00fcr die Erhebung von Femiziden zahlreiche Detailinformationen zu diesen F\u00e4llen n\u00f6tig. Es braucht demnach qualitativ hochstehende Datenbanken, die Informationen zu T\u00f6tungsdelikten enthalten. Die Schweiz ist eines der wenigen L\u00e4nder mit einer solchen Datenbank. Der sog. <a href=\"https:\/\/www.unisg.ch\/de\/universitaet\/schools\/law\/forschung\/sk-hsg\/swiss-homicide-monitor\/\">Swiss Homicide Monitor<\/a> beinhaltet Informationen zu allen vollendeten vors\u00e4tzlichen T\u00f6tungsdelikten in der Schweiz seit 1990 und wird fortlaufend aktualisiert.<\/p>\n<p>Basierend auf den offiziellen Strafakten werden zahlreiche Informationen zu den Opfern, T\u00e4ter:innen und Tatumst\u00e4nden sowie zur strafrechtlichen Erledigung des Falles erhoben. Aufgrund der Detaildichte der Informationen k\u00f6nnen somit auch Femizid-F\u00e4lle erkannt und kategorisiert werden, denn neben den Tatumst\u00e4nden wird auch analysiert, weshalb der T\u00e4ter oder die T\u00e4terin gehandelt hat und ob die T\u00f6tung aus diesem Grund eine geschlechtsspezifische Komponente aufwies.<\/p>\n<p>Der Vorteil einer umfassenden Datenbank mit s\u00e4mtlichen T\u00f6tungsdelikten (und nicht nur mit Femizid-F\u00e4llen) liegt zudem darin, dass Femizide dadurch auch mit anderen T\u00f6tungsdeliktstypen (z.B. T\u00f6tungen von M\u00e4nnern im h\u00e4uslichen Bereich) verglichen und so spezifische Femizid-Risikofaktoren eruiert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was wissen wir \u00fcber Femizide in der Schweiz? <\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst kann die aus der bestehenden kriminologischen Literatur bekannte Tatsache best\u00e4tigt werden, dass Frauen haupts\u00e4chlich im h\u00e4uslichen Bereich und vom eigenen Partner get\u00f6tet werden. Bei Partnert\u00f6tungen sind rund 80% der Opfer weiblich, w\u00e4hrend die T\u00e4terschaft zu 90% m\u00e4nnlich ist. Diese Partnerfemizide machen in der Schweiz denn auch 73% aller T\u00f6tungen von Frauen aus. Die zweith\u00e4ufigste Kategorie sind mit rund 16% Familienfemizide, z.B. die T\u00f6tung der Tochter durch den Vater. Femizide, die im ausserh\u00e4uslichen Bereich geschehen, so z.B. bei einer T\u00f6tung einer Prostituierten durch einen Freier, sind mit 11% eher selten.<\/p>\n<p>T\u00e4ter von Partnerfemiziden sind durchschnittlich Mitte 40 und in etwas mehr als der H\u00e4lfte Schweizer Nationalit\u00e4t, was auf eine \u00dcbervertretung ausl\u00e4ndischer T\u00e4ter hinweist. Auch die Opfer weisen ein mit den T\u00e4tern vergleichbares Durchschnittsalter auf, und ausl\u00e4ndische Staatsangeh\u00f6rige sind im Verh\u00e4ltnis zur ausl\u00e4ndischen Wohnbev\u00f6lkerung \u00fcbervertreten.<\/p>\n<p>In der Schweiz wurden in den letzten 30 Jahren bei Partnerfemiziden am h\u00e4ufigsten Schusswaffen benutzt, wobei der Einsatz von Schusswaffen in den letzten Jahren deutlich zur\u00fcckgegangen ist und aktuell mehr Stichwaffen eingesetzt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Warum werden so viele Frauen von ihren Partnern get\u00f6tet? <\/strong><\/p>\n<p>In \u00fcber der H\u00e4lfte der Partnerfemizide befand sich das Paar in Trennung resp. hatte sich getrennt. Die Trennung stellt daher sowohl einen grossen Risikofaktor f\u00fcr t\u00f6dliche h\u00e4usliche Gewalt als auch eines der Hauptmotive f\u00fcr einen Femizid dar. Dazu kommen Eifersucht oder Meinungsverschiedenheiten als weitere wichtige T\u00f6tungsmotive.<\/p>\n<p>Es zeigt sich daher auch in der Schweiz, dass in diesen trennungsbedingten Femiziden der T\u00e4ter die Trennung und den daraus resultierenden Macht- resp. Kontrollverlust \u00fcber die Frau nicht akzeptieren kann. Zudem begeht in rund einem Drittel der Partnerfemizide der T\u00e4ter nach der Tat Suizid, was deutlich h\u00e4ufiger der Fall ist als bei T\u00f6tungsdelikten im ausserh\u00e4uslichen Bereich. In diesen Konstellationen stehen h\u00e4ufig nicht (nur) eine Trennung, sondern auch psychische oder berufliche Probleme (z.B. ein drohender Konkurs) des T\u00e4ters oder eine Erkrankung und ein hohes Alter des Opfers im Vordergrund.<\/p>\n<p>Ein weiterer wichtiger Risikofaktor in Femizid-Konstellationen ist eine Vorgeschichte h\u00e4uslicher Gewalt. Denn in etwas weniger als der H\u00e4lfte der F\u00e4lle war aktenkundig, dass der T\u00e4ter gegen\u00fcber dem Opfer bereits einmal Gewalt ausge\u00fcbt hatte. Diese Gewalt war teilweise sogar polizeibekannt, was auf eher schwere Gewaltformen schliessen l\u00e4sst. Femizide sind somit h\u00e4ufig die letzte Eskalationsstufe einer langj\u00e4hrigen h\u00e4uslichen Gewaltspirale.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie haben sich Femizide in den letzten Jahrzehnten entwickelt? <\/strong><\/p>\n<p>Orientiert man sich an der medialen Berichterstattung, so wird immer wieder auf eine Zunahme von Femiziden hingewiesen. Dies l\u00e4sst sich anhand unserer Daten (die aktuell nur bis 2022 reichen, da wir keine Akteneinsicht in noch laufende Strafverfahren erhalten), nicht best\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Interessant ist, zu sehen, dass die Anzahl der Femizide in den letzten 30 Jahren relativ konstant geblieben ist, w\u00e4hrend T\u00f6tungsdelikte an M\u00e4nnern stark abgenommen haben. Diese Entwicklung \u2013 die sich ebenfalls in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern beobachten l\u00e4sst \u2013 f\u00fchrt dazu, dass mittlerweile fast die H\u00e4lfte aller Opfer von T\u00f6tungen weiblich sind und in den aktuellen Jahren teilweise sogar mehr Frauen als M\u00e4nner get\u00f6tet wurden. Dieser Anteil an weiblichen Opfern ist im Vergleich zum Ausland aussergew\u00f6hnlich hoch, denn normalerweise sind M\u00e4nner nicht nur h\u00e4ufiger T\u00e4ter, sondern auch h\u00e4ufiger Opfer von t\u00f6dlicher Gewalt als Frauen.<\/p>\n<p>\u00dcber die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese gegenl\u00e4ufige Entwicklung der T\u00f6tungsdelikte an M\u00e4nnern und Frauen kann nur spekuliert werden. Allerdings beobachtete der finnische Kriminologe Veli Verkko bereits in den 1950er Jahren, dass Ver\u00e4nderungen der T\u00f6tungsdeliktsraten jeweils von T\u00f6tungen an M\u00e4nnern getrieben waren (dynamisches Gesetz), w\u00e4hrend T\u00f6tungen an Frauen relativ stabil blieben (statisches Gesetz).<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Diese Gesetzm\u00e4ssigkeiten erkl\u00e4ren auch, warum gerade bei L\u00e4ndern wie der Schweiz mit wenig T\u00f6tungsdelikten der relative Anteil an weiblichen Opfern h\u00f6her ist als bei L\u00e4ndern mit einer hohen Anzahl von T\u00f6tungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie k\u00f6nnen Femizide verhindert werden? <\/strong><\/p>\n<p>T\u00f6tungsdelikte allgemein und somit auch Femizide sind schwierig vorherzusehen und zu verhindern, da immer mehrere Risikofaktoren ineinandergreifen, die f\u00fcr die Tatbegehung relevant sein k\u00f6nnen. Wie bereits erw\u00e4hnt, sind zwei der wichtigsten Risikofaktoren eine Vorgeschichte h\u00e4uslicher Gewalt und eine vom Opfer gew\u00fcnschte oder bereits vollzogene Trennung vom T\u00e4ter. Bei Vorliegen dieser beiden Risikofaktoren, insbesondere wenn es sich bei der erlebten h\u00e4uslichen Gewalt um schwere Formen handelt und der T\u00e4ter zudem eine Trennung nicht akzeptieren will, ist das Risiko von t\u00f6dlicher Gewalt besonders hoch.<\/p>\n<p>In solchen Konstellationen sind umfassende Schutzmassnahmen f\u00fcr das Opfer unabdingbar, so etwa die sichere Unterbringung in einem Frauenhaus, neben den in einem Strafverfahren m\u00f6glichen Massnahmen gegen\u00fcber der beschuldigten Person wie z.B. Untersuchungshaft oder Kontakt- und Rayonverbote. Allerdings n\u00fctzen solche Schutzmassnahmen nur, wenn h\u00e4usliche Gewalt vorliegt und diese auch polizeibekannt wurde. Bei F\u00e4llen, in denen die Gewalt nie zur Anzeige gelangte oder keine Gewaltvorgeschichte besteht, k\u00f6nnen die Strafverfolgungsbeh\u00f6rden auch nicht intervenieren. In solchen F\u00e4llen kann nur das famili\u00e4re und soziale Umfeld Warnsignale erkennen, die auf h\u00e4usliche Gewalt oder psychische Belastungen hindeuten, und die einen f\u00fcr die Frau potenziell t\u00f6dlichen Ausgang nehmen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Nora Markwalder ist Professorin f\u00fcr Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie an der Universit\u00e4t St. Gallen (HSG) und forscht unter anderem zu T\u00f6tungs- und Gewaltdelikten.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Fussnoten<\/strong>:<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Siehe dazu auch Kivivuori, J, et al., <a href=\"https:\/\/hup.fi\/books\/m\/10.33134\/HUP-15\">Nordic Homicide in Deep Time: Lethal Violence in the Early Modern Era and Present Times<\/a>, Helsinki University Press, 2022, doi:10.33134\/HUP-15, S. 10.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"kleinschrift\">Foto: \u00a9 UNSER RECHT<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Ein Problem auch in der Schweiz?<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Nora Markwalder<\/em><\/p>\n<p>In den Medien setzt sich vermehrt der Begriff des \u201eFemizids\u201c durch, wenn \u00fcber T\u00f6tungsdelikte an Frauen berichtet wird. 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