{"id":20431,"date":"2026-05-13T12:53:10","date_gmt":"2026-05-13T10:53:10","guid":{"rendered":"https:\/\/unser-recht.ch\/?p=20431"},"modified":"2026-05-13T13:10:11","modified_gmt":"2026-05-13T11:10:11","slug":"das-kopftuch-im-islam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/das-kopftuch-im-islam\/","title":{"rendered":"Das Kopftuch im Islam"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kopftuchdebatte<\/strong><\/p>\n<p>Der gesellschaftspolitische Umgang mit dem Kopftuch wird in der Schweiz und in Europa seit langer Zeit und immer wieder kontrovers diskutiert. UNSER RECHT wird in loser Folge Beitr\u00e4ge von Autorinnen und Autoren ver\u00f6ffentlichen, die innerhalb dieser &#8220;Kopftuchdebatte&#8221; unterschiedliche Positionen vertreten.<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<h2>Ein Ausdruck von Machtanspruch?<\/h2>\n<p><em>Von Niccol\u00f2 Raselli<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\nDas SVP-nahe sogenannte Egerkinger Komitee l\u00f6ste im Dezember 2025 mit seiner Petition \u00abKeine Kopft\u00fccher an Schweizer Schulen!\u00bb eine Debatte aus.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Es fordert unter anderem:<\/p>\n<ul>\n<li>\u00abVerbot muslimisch begr\u00fcndeter Kopft\u00fccher f\u00fcr Lehrerinnen, Sch\u00fclerinnen und Kinder an allen staatlichen Schulen.\u00bb<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>\u00abEinfordern von \u2039Jokertagen\u203a statt Schulfreiheit an muslimischen Feiertagen.\u00bb<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>\u00abAusl\u00e4nder- und strafrechtliche Konsequenzen f\u00fcr die Erziehungsberechtigten bei religi\u00f6s begr\u00fcndeter Respektlosigkeit wie Handschlagverweigerung.\u00bb<\/li>\n<\/ul>\n<p>K\u00fcrzlich doppelte die SVP im Z\u00fcrcher Kantonsrat mit einer Motion nach: &#8220;Das Tragen von Kleidungsst\u00fccken, die den Kopf von Frauen und M\u00e4dchen aus religi\u00f6sen oder weltanschaulichen Gr\u00fcnden bedecken, [soll] an s\u00e4mtlichen \u00f6ffentlich-rechtlichen Schulen und Kinderg\u00e4rten grunds\u00e4tzlich untersagt&#8221; werden. Der Vorstoss wird damit begr\u00fcndet, dass muslimisch begr\u00fcndete Kopfbedeckungen den christlichen, humanistischen und demokratischen Wertvorstellungen widerspr\u00e4chen. Sie dr\u00fcckten Diskriminierung von muslimischen Frauen und M\u00e4dchen aus und hemmten deren &#8220;Entwicklung und Bewegungsfreiheit.&#8221; Der Z\u00fcrcher Regierungsrat will die Motion annehmen.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Inzwischen nimmt auch die NZZ fromme Musliminnen ins Visier und wirft der sozialdemokratischen Partei vor, sich mit der Ablehnung des Kopftuchverbots an staatlichen Institutionen und Bildungsst\u00e4tten &#8220;f\u00fcr ein Symbol des konservativen bis reaktion\u00e4r-patriarchalen Islam&#8221; einzusetzen und &#8220;Verrat am Laizismus&#8221; zu begehen.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> In einem Gastkommentar verweist Kacem El Ghazzali auf das f\u00fcr ihn vorbildliche Genfer Gesetz &#8220;loi sur la la\u00efcit\u00e9 de l&#8217;Etat.&#8221; Diese verbiete Staatsangestellten in Aus\u00fcbung ihrer Funktion &#8220;das Tragen sichtbarer religi\u00f6ser Symbole &#8211; und zwar ausnahmslos f\u00fcr alle Religionen, ob Kreuz, Kippa oder Kopftuch&#8221;<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup>[4]<\/sup><\/a>.<\/p>\n<h4><\/h4>\n<h5><strong>1. Eine Minderheit wird den Gepflogenheiten der Mehrheit unterworfen<\/strong><\/h5>\n<p>Das Kopftuchverbot bezweckt, eine religi\u00f6se Minderheit den Gepflogenheiten der Bev\u00f6lkerungsmehrheit zu unterwerfen, und entpuppt sich letztlich als kulturk\u00e4mpferisches Instrument: Mit dem polemischen Schlagwort &#8220;Polit-Islam&#8221; wird unterstellt, beim Kopftuch handle es sich um ein politisches Kampfinstrument, und damit bewusst dar\u00fcber hinweggegangen, dass es um die Einhaltung religi\u00f6ser Regeln geht. Bef\u00fcrworter eines Kopftuchverbots argumentieren gerne mit dem systemischen Kopftuchzwang in Diktaturen wie Iran und Afghanistan. Sie ignorieren, dass das Tragen eines Kopftuchs oder anderer religi\u00f6ser Insignien im demokratischen Rechtsstaat auf freier Entscheidung beruht, als Ausdruck individueller Religiosit\u00e4t.<\/p>\n<p>Mit dem Kopftuchverbot soll die unverwechselbare Identit\u00e4t des Individuums der von einer Mehrheit gest\u00fctzten Identit\u00e4t assimiliert werden. W\u00e4hrend Assimilierung Einbindung in die dominante Kultur unter Verlust der Herkunftskultur fordert, versteht sich Integration als gegenseitiger Prozess zwischen Zugewanderten und der Mehrheitsgesellschaft, der sich in der Anerkennung der Selbstbehauptungsanspr\u00fcche religi\u00f6ser und kultureller Minderheiten erf\u00fcllt. Oder, wie es der fr\u00fchere deutsche Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang B\u00f6ckenf\u00f6rde treffend formulierte: <em>\u201eDas Kopftuch einer muslimischen Lehrerin, die die freiheitliche Ordnung anerkennt, ist ein St\u00fcck Integration, nicht Desintegration.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\"><sup>[5]<\/sup><\/a><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><strong>2. Das Kopftuchverbot &#8211; ein ungerechtfertigter Eingriff<\/strong><\/h5>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<strong>2.1. Unklare bundesgerichtliche Praxis (1997)<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend das deutsche Bundesverfassungsgericht im Jahr 2015 entschieden hat, dass muslimische Lehrerinnen ein Kopftuch tragen d\u00fcrfen,<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><sup>[6]<\/sup><\/a> hat das Bundesgericht im Jahre 1997 einer Genfer Primarschullehrerin diesen Anspruch verweigert.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\"><sup>[7]<\/sup><\/a> Das Gericht ging zwar auch davon aus, dass sowohl die Bundesverfassung<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\"><sup>[8]<\/sup><\/a> als auch Art. 9 EMRK die aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden gepflegte Bekleidung der Lehrerin im Prinzip sch\u00fctze, erwog aber, dass die Beh\u00f6rden einer Lehrerin unter gewissen Umst\u00e4nden verbieten d\u00fcrfen, mit dem Kopftuch zu unterrichten. Solche Umst\u00e4nde erblickte das Gericht namentlich in einer strikten Trennung von Kirche und Staat, wobei es insbesondere den Umstand ber\u00fccksichtigte, dass der Kanton Genf eine besonders strenge Tradition des Laizismus kennt, der sich an Frankreich und dessen dogmatisch-ideologischem Laizismus orientiert.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\"><sup>[9]<\/sup><\/a> Das Bundesgericht liess damals allerdings die Frage offen, wie es sich z.B. im Falle von noch da und dort im Schulunterricht t\u00e4tigen katholischen Nonnen verhalten w\u00fcrde. Damit blieb unklar, ob das auf eine F\u00f6deralisierung der Glaubens- und Kultusfreiheit in unserem kleinen Land hinausl\u00e4uft, was erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig w\u00e4re.<\/p>\n<p><strong>2.2. Die neuere Praxis des Bundesgerichtes schafft Klarheit (2015)<\/strong><\/p>\n<p>Ein schweizweites pauschales Verbot, im Schulunterricht ein Kopftuch zu tragen, w\u00e4re mit der kantonalen Schulhoheit<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\"><sup>[10]<\/sup><\/a> schwerlich vereinbar, verstiesse aber auch gegen die in unserer Verfassung garantierte Religionsfreiheit. Letzteres ergibt sich aus einem Urteil des Bundesgerichts vom Jahr 2015. Das Gericht hielt fest, dass ein Kopftuchverbot einen schweren Eingriff in das Grundrecht der Glaubens- und Gewissensfreiheit bedeute und dass kein \u00f6ffentliches Interesse diesen Eingriff rechtfertigen k\u00f6nne. Es best\u00e4tigt damit eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts des Kantons St. Gallen. Das Verwaltungsgericht wie auch das Bundesgericht berufen sich in ihren Entscheidungen auf die einschl\u00e4gigen Bestimmungen der Bundesverfassung wie auch der EMRK. Die zentrale Erw\u00e4gung des bundesgerichtlichen Urteils lautet:<\/p>\n<p><em>&#8220;Vom Tragen der Kopfbedeckung allein &#8211; und dies gilt entsprechend auch f\u00fcr andere religi\u00f6se Symbole, wie die j\u00fcdische Kippa, das Habit christlicher Ordensschwestern und -br\u00fcder oder das Kreuz, das sichtbar getragen wird &#8211; geht noch kein werbender oder gar missionierender Effekt aus. Insbesondere ist ein Verbot des Tragens des muslimischen Kopftuchs nicht erforderlich, um die f\u00fcr die Wahrung der Chancengleichheit so wichtigen Lerninhalte zu vermitteln oder einen effizienten Schulbetrieb aufrechtzuerhalten.&#8221;<\/em><a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\"><sup>[11]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Das Urteil betrifft zwar vordergr\u00fcndig ein Kopftuchverbot f\u00fcr M\u00e4dchen. Doch d\u00fcrfte die Erw\u00e4gung auch f\u00fcr das Tragen religi\u00f6ser Insignien durch m\u00e4nnliche wie weibliche Lehrpersonen zum Zuge kommen. In diesem Urteil wird zudem &#8211; in Abgrenzung zum Genfer Fall<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\"><sup>[12]<\/sup><\/a> &#8211; klargestellt, dass die Gr\u00fcnde, das Kopftuch zu tragen, sehr heterogen sind und nicht mit Unterdr\u00fcckung gleichgesetzt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><strong>3. Dispensation vom Schulunterricht f\u00fcr religi\u00f6se Feiertage<\/strong><\/h5>\n<p>Werden Feiertage von Kantonen nach den dort vorherrschenden Konfessionen festgelegt, werden Minderheitskonfessionen nicht oder unzureichend ber\u00fccksichtigt. W\u00e4hrend das Bundesgericht fr\u00fcher das bundesrechtliche Schulobligatorium grunds\u00e4tzlich h\u00f6her gewichtete als die Glaubens- und Kultusfreiheit, relativierte es in einer den Kanton Z\u00fcrich betreffenden Grundsatzentscheidung vom Jahre 1988 diese Praxis.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\"><sup>[13]<\/sup><\/a> Es ging um die Dispensation vom Schulbesuch eines Kindes, dessen Familie der sogenannten <em>Weltweiten Kirche Gottes<\/em> angeh\u00f6rt, f\u00fcr die Dauer des Laubh\u00fcttenfestes. Das Bundesgericht erwog, dass die Verweigerung der Dispensation im nachgesuchten Umfang unverh\u00e4ltnism\u00e4ssig sei, weil sie die Beschwerdef\u00fchrer in ihrer Glaubens-, Gewissens- und Kultusfreiheit in schwerwiegender Weise treffe, w\u00e4hrend die allf\u00e4llige Beeintr\u00e4chtigung der Schulordnung nicht als bedeutend erscheine. Das Bundesgericht berief sich sowohl auf die einschl\u00e4gigen Bestimmungen der Bundesverfassung, als auch auf Art. 9 EMRK.<\/p>\n<p>Seither hat sich diese Praxis etabliert<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\"><sup>[14]<\/sup><\/a> und gilt selbstverst\u00e4ndlich auch f\u00fcr muslimische Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen. Das Verweisen muslimischer Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen auf sogenannte &#8220;Jokertage&#8221; w\u00fcrde nicht nur die Glaubensfreiheit, sondern auch die Rechtsgleichheit eklatant verletzen.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<h5><strong>4. Verweigerter Handschlag &#8211; Konsequenzen f\u00fcr Erziehungsberechtigte?<\/strong><\/h5>\n<p>Die Formulierung der Petition des Egerkinger Komitees &#8211; &#8220;Religi\u00f6s begr\u00fcndete Respektlosigkeiten (z.B. Handschlagverweigerung)&#8221; &#8211; ist tendenzi\u00f6s, unterstellt sie doch, religi\u00f6s begr\u00fcndete Verweigerung des Handschlags bezwecke, dem Gegen\u00fcber den Respekt zu verweigern.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Handschlag als nonverbales Begr\u00fcssungs- und Verabschiedungsritual in der westlichen Welt weit verbreitet ist, wird das Geben und Sch\u00fctteln der H\u00e4nde in anderen Kulturen wie der\u00a0islamischen aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden nicht zwischen den Geschlechtern praktiziert. Auch bei streng religi\u00f6sen Juden, insbesondere in ultraorthodoxen Kreisen, ist es \u00fcblich, dass M\u00e4nner und Frauen, die nicht miteinander verheiratet oder in einer engen famili\u00e4ren Beziehung stehen,\u00a0keinerlei k\u00f6rperlichen Kontakt haben, was das H\u00e4ndesch\u00fctteln einschliesst. Unter traditionellen Hindus\u00a0ist zwischen M\u00e4nnern ein beidh\u00e4ndiger H\u00e4ndedruck \u00fcblich, bei denen der sozial h\u00f6her Stehende die beiden H\u00e4nde des Gegen\u00fcbers umfasst. Traditionell sch\u00fctteln M\u00e4nner jedoch niemals Frauen auf diese Weise die H\u00e4nde.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\"><sup>[15]<\/sup><\/a><\/p>\n<p><strong>4.1. Die Verlautbarung der Bildungs- Kultur- und Sportdirektion des Kantons BL<\/strong><\/p>\n<p>In einer &#8220;Rechtsabkl\u00e4rung&#8221; aus dem Jahr 2016<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\"><sup>[16]<\/sup><\/a> \u00a0anerkennt zwar das Generalsekretariat der Bildungs- Kultur- und Sportdirektion des Kantons BL hinsichtlich der Verweigerung des Handschlags von Sch\u00fclern gegen\u00fcber ihrer Lehrerin, dass das Verweigern des Handschlags muslimischer Sch\u00fcler gegen\u00fcber weiblichen Lehrpersonen als Ausdruck religi\u00f6ser \u00dcberzeugung in den Schutzbereich der Glaubens- und Gewissensfreiheit falle, weshalb eine Verpflichtung muslimischer Sch\u00fcler, den Handschlag auch gegen\u00fcber weiblichen Lehrpersonen zu praktizieren, einen Eingriff in die Religionsfreiheit bedeute. Doch lasse sich der Eingriff auf das Bildungsgesetz st\u00fctzen.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\"><sup>[17]<\/sup><\/a> Ferner bestehe am Eingriff ein \u00fcberwiegendes Interesse unter Gesichtspunkten der Gleichbehandlung von Frau und Mann sowie der Integration ausl\u00e4ndischer Jugendlicher. Da der Eingriff den muslimischen Glauben nicht in seinen zentralen Teilen ber\u00fchre, sei er verh\u00e4ltnism\u00e4ssig. Eine Gerichtsentscheidung scheint in dieser Sache nicht ergangen zu sein.<\/p>\n<p><strong>4.2. Das Bildungsgesetz BL als Rechtsgrundlage?<\/strong><\/p>\n<p>Gem\u00e4ss \u00a7 64 lit. b des Bildungsgesetzes &#8220;achten [Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen] die Werte einer freiheitlichen, gleichberechtigten und solidarischen Gesellschaft.&#8221; Es versteht sich eigentlich von selbst, dass von den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern die Einhaltung von Anstandsregeln zu fordern ist, namentlich H\u00f6flichkeit und Respektsbezeugung. Dazu z\u00e4hle nach hiesigem Verst\u00e4ndnis &#8211; so die &#8220;Rechtsabkl\u00e4rung&#8221; der Bildungs- Kultur- und Sportdirektion des Kantons BL &#8211; auch der H\u00e4ndedruck.<\/p>\n<p>Dagegen l\u00e4sst sich kritisch einwenden, dass eine auf religi\u00f6sem Brauch begr\u00fcndete Entscheidung gegen den Handschlag und f\u00fcr eine andere Begr\u00fcssungsform keine Respektlosigkeit bedeutet, auch wenn sie vom Gegen\u00fcber so gedeutet werden mag. Aus muslimischer Perspektive bedeutet der Verzicht eines Handschlags keineswegs, jemanden abzulehnen oder gar geringzusch\u00e4tzen, sondern pers\u00f6nliche \u00dcberzeugungen und religi\u00f6se Werte zu wahren und die eigene sowie die k\u00f6rperliche Integrit\u00e4t des Gegen\u00fcbers zu respektieren.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\"><sup>[18]<\/sup><\/a><\/p>\n<p><strong>4.3. Verweigerter Handschlag als Verletzung des Diskriminierungsverbots (Artikel 8 BV)?<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcberdies erblickt die Bildungs- Kultur- und Sportdirektion des Kantons BL in der Verweigerung des Handschlags nur gegen\u00fcber weiblichen Lehrpersonen eine Diskriminierung von Frauen und damit eine Verletzung des Gleichbehandlungsgebots (Art. 8 BV). Gem\u00e4ss diesem Gebot darf niemand diskriminiert werden, &#8220;namentlich nicht wegen der Herkunft, der Rasse, des Geschlechts, des Alters, der Sprache, der sozialen Stellung, der Lebensform, der religi\u00f6sen, weltanschaulichen oder politischen \u00dcberzeugung oder wegen einer k\u00f6rperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung.&#8221; Untersagt ist damit ungerechtfertigte Ungleichbehandlung, nicht aber Ungleichbehandlung als solche. Es kommt auf deren Motiv an. Abgesehen davon, dass fraglich ist, ob das Gleichbehandlungsgebot auch hinsichtlich des Verhaltens von Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen gegen\u00fcber Lehrpersonen zum Tragen kommt, bedeutet eine alternative Begr\u00fcssungsform (ohne Handsch\u00fctteln) keineswegs eine Diskriminierung, solange das Gegen\u00fcber respektiert und wertgesch\u00e4tzt wird.<\/p>\n<p><strong>4.4. \u00dcberzeugendes Integrationsargument<\/strong><\/p>\n<p>Die Bildungs- Kultur- und Sportdirektion des Kantons BL macht schliesslich geltend, dass Kanton und Gemeinden gem\u00e4ss \u00a7 108 der Kantonsverfassung<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\"><sup>[19]<\/sup><\/a> die Eingliederung von Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4ndern f\u00f6rdern. Mit dem Einfordern und Ein\u00fcben in der Schweiz geltender gesellschaftlicher Regeln k\u00f6nne eine Teilnahme ausl\u00e4ndischer Kinder und Jugendlicher am wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben und die Chancengleichheit gew\u00e4hrleistet werden.<\/p>\n<p>Diesen \u00dcberlegungen kann durchaus gefolgt werden. In dieser Hinsicht d\u00fcrften allerdings Gespr\u00e4che mit den Eltern zielf\u00fchrender sein, als die vom Egerkinger Komitee geforderten Massnahmen. Ausl\u00e4nder- und strafrechtliche Konsequenzen f\u00fcr die Erziehungsberechtigten, die ihre Kinder zur Einhaltung religi\u00f6ser Regeln anhalten, w\u00e4ren unverh\u00e4ltnism\u00e4ssig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Niccol\u00f2 Raselli war von <\/em><em>1995 bis 2012 Bundesrichter. Er ist Mitglied von UNSER RECHT. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Fussnoten<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<div class=\"fussnote\">\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> https:\/\/egerkingerkomitee.ch\/petition\/ (aufgerufen am 20.03.3026).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> NZZ vom 17. M\u00e4rz 2026.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> NZZ vom 3. M\u00e4rz.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\"><sup>[4]<\/sup><\/a> NZZ vom 4. M\u00e4rz 2026.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\"><sup>[5]<\/sup><\/a> Ernst-Wolfgang B\u00f6ckenf\u00f6rde, Das Kreuz mit dem Kopftuch (NZZ vom 21. M\u00e4rz 2015, S. 53)<br \/>\n.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\"><sup>[6]<\/sup><\/a> Das Bundesverfassungsgericht hat gest\u00fctzt auf die in Art. 4 des Grundgesetzes garantierte Glaubens- und Gewissensfreiheit sowie das Recht auf ungest\u00f6rte Religionsaus\u00fcbung entschieden, dass pauschale Kopftuchverbote f\u00fcr Lehrerinnen und Referendarinnen in der Regel verfassungswidrig sind. Ein Verbot sei nur dann zul\u00e4ssig, wenn durch das Kopftuchtragen eine \u201ehinreichend konkrete Gefahr\u201c f\u00fcr den Schulfrieden oder die staatliche Neutralit\u00e4t bestehe.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\"><sup>[7]<\/sup><\/a> BGE 119 Ia 178 ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\"><sup>[8]<\/sup><\/a> Art. 15 der Bundesverfassung statuiert: <sup>1<\/sup>\u00a0Die Glaubens- und Gewissensfreiheit ist gew\u00e4hrleistet. <sup>2<\/sup>\u00a0Jede Person hat das Recht, ihre Religion und ihre weltanschauliche \u00dcberzeugung frei zu w\u00e4hlen und allein oder in Gemeinschaft mit anderen zu bekennen. <sup>3<\/sup>\u00a0Jede Person hat das Recht, einer Religionsgemeinschaft beizutreten oder anzugeh\u00f6ren und religi\u00f6sem Unterricht zu folgen. <sup>4<\/sup>\u00a0Niemand darf gezwungen werden, einer Religionsgemeinschaft beizutreten oder anzugeh\u00f6ren, eine religi\u00f6se Handlung vorzunehmen oder religi\u00f6sem Unterricht zu folgen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\"><sup>[9]<\/sup><\/a> Das entsprechende franz\u00f6sische Gesetz statuiert seit 1905 &#8211; als Reaktion auf den damals dominanten politischen Einfluss der katholischen Kirche die absolute Trennung von Staat und religi\u00f6sen Institutionen; https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gesetz_zur_Trennung_von_Kirche_und_Staat_(Frankreich); aufgerufen am 20.03.2026.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\"><sup>[10]<\/sup><\/a> Gem\u00e4ss Art. 62 Abs. 1 BV sind f\u00fcr das Schulwesen die Kantone zust\u00e4ndig.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\"><sup>[11]<\/sup><\/a> BGE 142 I 49.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\"><sup>[12]<\/sup><\/a> Siehe Fn. 7.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\"><sup>[13]<\/sup><\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/relevancy.bger.ch\/php\/clir\/http\/index.php?lang=de&amp;type=show_document&amp;page=1&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=1954&amp;to_year=2025&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F114-IA-129%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page129\">BGE 114 Ia 129<\/a>\u00a0E. 5 S. 136 ff. Die entsprechende Urteilsregeste lautet: &#8220;Ben\u00f6tigen Angeh\u00f6rige einer stark auf dem Alten Testament basierenden Religionsgemeinschaft pro Jahr insgesamt nicht mehr Tage Schuldispensation, als der Kanton Z\u00fcrich den &#8211; meistbeg\u00fcnstigten &#8211; Angeh\u00f6rigen der j\u00fcdischen Religion zugesteht, so wird das Verh\u00e4ltnism\u00e4ssigkeitsgebot verletzt, wenn die Schuldispensation f\u00fcr 5 (oder, je nach Jahr, 6) aufeinanderfolgende Tage mit der Begr\u00fcndung verweigert wird, dass Sch\u00fcler j\u00fcdischen Glaubens nie mehr als 4 aufeinanderfolgende Tage Schuldispensation beanspruchen m\u00fcssen.&#8221;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\"><sup>[14]<\/sup><\/a> <a href=\"http:\/\/relevancy.bger.ch\/php\/clir\/http\/index.php?lang=de&amp;type=show_document&amp;page=1&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=1954&amp;to_year=2025&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F134-I-114%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page114\">BGE 134 I 114<\/a>\u00a0E. 6.1 ff. S. 120 ff.;\u00a0<a href=\"http:\/\/relevancy.bger.ch\/php\/clir\/http\/index.php?lang=de&amp;type=show_document&amp;page=1&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=1954&amp;to_year=2025&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F117-IA-311%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page311\">BGE 117 Ia 311<\/a>\u00a0E. 3 ff. S. 316 ff.\u00a0 Beispielhaft kann auf die Regelungen des Kantons Basel-Stadt (1) und der Stadt Z\u00fcrich (2) verwiesen werden:<br \/>\n(1) https:\/\/www.bs.ch\/ed\/volksschulen\/eltern\/religion [aufgerufen am 20.03.2026];<br \/>\n(2) https:\/\/www.stadt-zuerich.ch\/schulen\/de\/buchlern\/ueberuns\/portrait\/jokertage-absenzen.html [aufgerufen am 20.03.2026].<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\"><sup>[15]<\/sup><\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/H\u00e4ndesch\u00fctteln (aufgerufen am 20.03.2026).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\"><sup>[16]<\/sup><\/a> https:\/\/www.humanrights.ch\/cms\/upload\/pdf\/2023\/231205_Rechtsabklaerung_BL.pdf (aufgerufen am 20.03.2026).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\"><sup>[17]<\/sup><\/a> \u00a7 64 des Bildungsgesetzes BL statuiert: Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sind (a) ihrem Alter und ihrer Schulstufe entsprechend f\u00fcr ihren Bildungsprozess mitverantwortlich; (b) tragen mit ihrem Verhalten zum Erfolg des Unterrichts sowie der Klassen- und Schulgemeinschaft bei und achten dabei die Werte einer freiheitlichen, gleichberechtigten und solidarischen Gesellschaft; (c) besuchen den Unterricht und die Schulveranstaltungen l\u00fcckenlos und begr\u00fcnden allf\u00e4llige Abwesenheiten; (d) halten die Weisungen der Lehrerinnen und Lehrer sowie der Schulbeh\u00f6rden ein und tragen zu Material und Einrichtung Sorge. Das N\u00e4here regelt die Verordnung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\"><sup>[18]<\/sup><\/a> http:\/\/www.babanews.ch\/kein-handschlag-kein-problem-ein-plaedoyer-fuer-verstaendigung\/ (aufgerufen am 20.03. 2026).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\"><sup>[19]<\/sup><\/a> \u00a7 108 KV\/BL lautet: Kanton und Gemeinden f\u00f6rdern in Zusammenarbeit mit privaten Organisationen Wohlfahrt und Eingliederung der Ausl\u00e4nder.<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p class=\"kleinschrift\">Foto: \u00a9 UNSER RECHT<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Ein Ausdruck von Machtanspruch?<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Niccol\u00f2 Raselli<\/em><\/p>\n<p>Das Kopftuchverbot bezweckt, eine religi\u00f6se Minderheit den Gepflogenheiten der Bev\u00f6lkerungsmehrheit zu unterwerfen, und entpuppt sich letztlich als kulturk\u00e4mpferisches Instrument: Mit dem polemischen Schlagwort &#8220;Polit-Islam&#8221; wird unterstellt, beim Kopftuch handle es sich um ein politisches Kampfinstrument, und damit bewusst dar\u00fcber hinweggegangen, dass es um die Einhaltung religi\u00f6ser Regeln geht.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":20432,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bluesky_dont_syndicate":"1","_bluesky_syndication_accounts":"","_bluesky_syndication_text":"","footnotes":""},"categories":[112,25],"tags":[3483,3493,3760,3625,3633],"class_list":["post-20431","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-discrimination-racisme","category-droits-fondamentaux-cedh","tag-diskriminierung-fr","tag-emrk-fr","tag-grundrechte-fr","tag-politik-fr","tag-rassismus-fr"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20431","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20431"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20431\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20447,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20431\/revisions\/20447"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/20432"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20431"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20431"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20431"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}