{"id":20000,"date":"2026-01-19T09:47:29","date_gmt":"2026-01-19T08:47:29","guid":{"rendered":"https:\/\/unser-recht.ch\/?p=20000"},"modified":"2026-01-23T16:29:48","modified_gmt":"2026-01-23T15:29:48","slug":"rechtsprechung-des-egmr-zu-migration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/unser-recht.ch\/it\/rechtsprechung-des-egmr-zu-migration\/","title":{"rendered":"Rechtsprechung des EGMR zu Migration"},"content":{"rendered":"<h3>Die Position der Schweiz<\/h3>\n<p><em>Von Ulrich Gut<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am 10. Dezember 2025 f\u00fchrte der Europarat auf Initiative seines Generalsekret\u00e4rs Alain Berset eine Ministerkonferenz betreffend Migration durch. Anlass war die wachsende Unzufriedenheit bei Regierungen von Mitgliedstaaten des Europarats \u00fcber die Anwendung der Europ\u00e4ischen Menschenrechtskonvention (EMRK) durch den Europ\u00e4ischen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte (EGMR): Die Rechtsprechung des EGMR schr\u00e4nke die migrations- und asylpolitische Handlungsfreiheit zu stark ein, lautet der Vorwurf.<\/p>\n<p>Auch die Schweiz muss sich hierzu positionieren. Dabei hat der Bundesrat auch eine Forderung zu ber\u00fccksichtigen, welche die Eidgen\u00f6ssischen R\u00e4te &#8211; veranlasst durch die Gutheissung der Klage der KlimaSeniorinnen &#8211; durch \u00dcberweisung von FDP-St\u00e4nderat Andreas Caronis <a href=\"https:\/\/www.parlament.ch\/de\/ratsbetrieb\/suche-curia-vista\/geschaeft?AffairId=20243485\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Motion<\/a> \u00abDer EGMR soll sich an seine Kernaufgabe erinnern\u00bb an ihn richteten. Diese von beiden R\u00e4ten gutgeheissene Motion k\u00f6nnte dadurch erf\u00fcllt werden, dass sich die Schweiz f\u00fcr ein Zusatzprotokoll zur EMRK einsetzt.<\/p>\n<p>Einer noch weiter gehenden <a href=\"https:\/\/www.parlament.ch\/de\/ratsbetrieb\/suche-curia-vista\/geschaeft?AffairId=20253739\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Motion<\/a> von St\u00e4nderat Hannes Germann (SVP), \u00abDie Schweiz schliesst sich der Initiative zur Reform der Europ\u00e4ischen Menschenrechtskonvention an\u00bb, stimmte der St\u00e4nderat zu. Der Entscheid des Nationalrats steht noch aus. Germann will den Bundesrat beauftragen, \u00abdie mit dem <a href=\"https:\/\/www.governo.it\/sites\/governo.it\/files\/Lettera_aperta_22052025.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">offenen Brief<\/a> von neun europ\u00e4ischen Staaten vom 22. Mai 2025 angestossene Initiative zur Diskussion und Reform der Auslegung der Europ\u00e4ischen Menschenrechtskonvention (EMRK) zu unterst\u00fctzen und daran mitzuwirken, sich zusammen mit anderen Vertragsstaaten daf\u00fcr einzusetzen, dass der Europ\u00e4ische Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte (EGMR) sich wieder an das Subsidiarit\u00e4tsprinzip h\u00e4lt, den Mitgliedstaaten keine Verpflichtungen auferlegt, die sie staatsvertraglich nie eingegangen sind, und ihre politischen Handlungsspielr\u00e4ume nicht einschr\u00e4nkt, insbesondere zur Wahrung der Handlungsf\u00e4higkeit in der Migrationspolitik und der Sicherheit der eigenen Bev\u00f6lkerung.\u00bb<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Haltung der Schweiz als Europaratsmitglied \u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Die Schweiz wurde an der Konferenz vom 10. Dezember durch den Direktor des Bundesamts f\u00fcr Justiz, Dr. Michael Sch\u00f6ll, vertreten. Am 15. Dezember richtete UNSER RECHT folgende Fragen an ihn:<\/p>\n<ul>\n<li>Welche Haltung vertrat die Schweiz an dieser Konferenz?<\/li>\n<li>Wie beurteilen Sie die Ergebnisse dieser Konferenz und das vorgesehene weitere Vorgehen, insbesondere im Hinblick auf die Umsetzung der Motion Caroni und die Forderung St\u00e4nderat Germanns, die Schweiz solle den offenen Brief von neun Staats- und Regierungschefs von Mitgliedstaaten des Europarats betreffend die Rechtsprechung des EGMR unterst\u00fctzen?<\/li>\n<li>Die NZZ berichtet in ihrer Ausgabe vom 13. Dezember \u00fcber ein Abstimmungsergebnis und \u00fcber Positionsbez\u00fcge einzelner Mitgliedstaaten des Europarats: \u00abZwar sprach beim Treffen \u2013 zumindest im Moment \u2013 niemand von einem Austritt, aber eine knappe Mehrheit von 27 Mitgliedstaaten des Europarats forderte eine zeitgem\u00e4sse Weiterentwicklung des Systems der Konvention. Unter den Bef\u00fcrwortern einer Reform waren Grossbritannien und D\u00e4nemark, unter den Gegnern Deutschland und Frankreich.\u00bb K\u00f6nnen Sie dies best\u00e4tigen?<\/li>\n<li>Wird die Schweiz an der Weiterf\u00fchrung des politischen Prozesses, der mit dieser Konferenz gestartet wurde, aktiv mitwirken? Wenn ja, mit welchen Absichten?<strong>\u00a0<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Europaratstaaten sollen innerhalb der institutionellen Strukturen des Europarats konstruktive Antworten erarbeiten<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Mit Schreiben vom 17. Dezember 2025 erhielten wir folgende Antworten:<\/p>\n<ul>\n<li><em>Haltung der Schweiz<\/em>: Die <a href=\"https:\/\/rm.coe.int\/conference-ministerielle-informelle-10-decembre-2025-conclusions\/488029b844\">Schlussfolgerungen<\/a> der Konferenz entsprechen inhaltlich den Vorschl\u00e4gen, welche der Generalsekret\u00e4r des Europarats, Alt-Bundesrat Alain Berset, im Oktober dieses Jahres formuliert hat. An der Konferenz hat die Schweiz ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr diese Vorschl\u00e4ge, welche schlussendlich von allen Mitgliedstaaten getragen wurden, bekr\u00e4ftigt.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li><em>Ergebnisse der Konferenz und weiteres Vorgehen: <\/em>Die Schweiz begr\u00fcsst, dass die Mitgliedstaaten des Europarats mit der Umsetzung der Vorschl\u00e4ge des Generalsekret\u00e4rs die M\u00f6glichkeit erhalten, innerhalb der institutionellen Strukturen des Europarats gemeinsam konstruktive Antworten auf die verschiedenen Herausforderungen, mit welchen zahlreiche Mitgliedstaaten im Zusammenhang mit der Migration konfrontiert sind, zu erarbeiten. Diese Haltung steht im Einklang mit den Stellungnahmen des Bundesrats vom 04.09.2024 zur Motion 24.3485 Caroni und vom 20.08.2025 zur Motion 25.3739 Germann.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li><em>Gemeinsame Erkl\u00e4rung einer Gruppe von Mitgliedstaaten des Europarats<\/em>: Die <a href=\"https:\/\/www.governo.it\/sites\/governo.it\/files\/JointStatement_20251210.pdf\">gemeinsame Erkl\u00e4rung<\/a>, in welcher die beteiligten Staaten aufgef\u00fchrt werden, wurde ver\u00f6ffentlicht.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li><em>Weiteres Vorgehen<\/em>: Wie es die Vertreter der Schweiz bereits im Vorfeld der Konferenz getan haben, werden sie sich aktiv an den weiteren Arbeiten, insbesondere an der Ausarbeitung einer politischen Deklaration zur Bedeutung der Menschenrechte im Bereich der irregul\u00e4ren Migration und der Situation von straff\u00e4lligen Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4ndern (Punkt a der Schlussfolgerungen der Konferenz), beteiligen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kommentar<\/strong><\/p>\n<p>Es gilt zu verhindern, dass infolge der Herausforderungen, vor welche die Migration die Mitgliedsstaaten des Europarats stellt, f\u00fcr migrierte oder geflohene Menschen der Menschenrechtsschutz grunds\u00e4tzlich in Frage gestellt, oder er ihnen gar entzogen wird, sei es durch Regierungen oder durch an die Macht dr\u00e4ngende Oppositionsparteien.<\/p>\n<p>Ermutigend ist, dass an der Ministerkonferenz vom 10. Dezember 2025 offenbar keine Regierung mit der K\u00fcndigung der EMRK oder mit einer grunds\u00e4tzlichen Weigerung, EGMR-Urteile umzusetzen, drohte.<\/p>\n<p>Die Mitgliedstaaten des Europarats m\u00fcssen eine menschenrechtskonforme Bew\u00e4ltigung der Herausforderungen durch Migration und Asyl erm\u00f6glichen. Sie sind die Gesetzgeber der EMRK: Wenn es n\u00f6tig ist, die Anforderungen an migrations- und asylpolitische Grundrechtsbeschr\u00e4nkungen zu \u00fcberpr\u00fcfen und neu zu bestimmen, liegt dies in ihrer Kompetenz und Verantwortung. Das Instrument daf\u00fcr ist ein weiteres Zusatzprotokoll zur EMRK.<\/p>\n<p>In der Verantwortung der Mitgliedstaaten liegt es auch, den Respekt vor der Gewaltenteilung und somit vor der unabh\u00e4ngigen Rechtsprechung des EGMR hochzuhalten und durchzusetzen. Der Europarat ist der H\u00fcter der Rechtsstaatlichkeit in Europa, und die Gewaltenteilung ist deren tragende S\u00e4ule.<\/p>\n<p>Es ist zu begr\u00fcssen, dass die Schweiz sich, wie das Bundesamt f\u00fcr Justiz mitteilt, aktiv an den weiteren Arbeiten beteiligen wird. F\u00fcr die politische Willensbildung im Innern der Schweiz \u2013 und im Hinblick auf weitere heftige Anfechtungen, mit denen wir rechnen m\u00fcssen \u2013 ist es wichtig, dass Bundesrat und Verwaltung die \u00d6ffentlichkeit aktiv und kontinuierlich \u00fcber diese Mitarbeit, \u00fcber die Ziele, welche die Schweiz verfolgt, und die Vorschl\u00e4ge, die sie unterst\u00fctzt und allenfalls selbst einbringt, informieren.<em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Dr. iur. Ulrich Gut ist Pr\u00e4sident von UNSER RECHT.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"kleinschrift\">Foto: \u00a9 UNSER RECHT<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Die Position der Schweiz<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Ulrich Gut<\/em><\/p>\n<p>Als Gesetzgeber der EMRK liegt es in der Verantwortung der Europarat-Mitgliedstaaten, innerhalb der institutionellen Strukturen der Organisation konstruktive Antworten bez\u00fcglich der Anforderungen an migrations- und asylpolitische Grundrechtsbeschr\u00e4nkungen zu erarbeiten, z.B. durch ein Zusatzprotokoll.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":20001,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bluesky_dont_syndicate":"1","_bluesky_syndication_accounts":"","_bluesky_syndication_text":"","footnotes":""},"categories":[31,91],"tags":[3492,3494,3506,3540,3592,3729,3734],"class_list":["post-20000","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-diritti-fondamentali-cedu","category-migrazione-fuga","tag-egmr-it","tag-emrk-it","tag-europarat-it","tag-grundrechte-it","tag-menschenrechte-it","tag-voelkerrecht-it","tag-zuwanderung-it"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20000","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20000"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20000\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20020,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20000\/revisions\/20020"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media\/20001"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20000"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20000"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/unser-recht.ch\/it\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20000"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}